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Hotspot Hamburg
Hotspot Hamburg
Pflanzenreich an der Elbe
von Hans-Helmut Poppendieck (erschienen in "Naturschutz in Hamburg 2/04)
Wer kennt das nicht von seinen Reisen? In dem einen Urlaubsgebiet wachsen ungewöhnlich viele und farbenfrohe Blumen. Andere Landstriche dagegen weisen nur eine mäßige Blütenpracht auf, sind zuweilen sogar wüst und leer. Das hat einen einfachen Grund: Die Artenvielfalt ist auf der Erde sehr ungleichmäßig verteilt. Eine genauere Übersicht darüber gibt es aber erst seit wenigen Jahren.
Erst Ende der 1980er Jahre kam der Begriff Biodiversität, zu deutsch: Artenvielfalt, auf. 1992 verabschiedeten die Regierungschefs zahlreicher Länder auf dem Umweltgipfel von Rio de Janeiro die Konvention zur Erhaltung der biologischen Vielfalt. Dadurch wurden die Staaten endlich zur Erhaltung und Erforschung der Biodiversität verpflichtet.
Der Schierlingswasserfenchel kommt nur an der Elbe vor.
Bei den Pflanzen liegen die artenreichsten Gebiete in den kolumbianischen Anden, im Kapland von Südafrika, im malayischen Regenwald oder im Kaukasus. Solche Zentren werden als Hotspots bezeichnet. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Geologie und bezeichnet dort im wahrsten Sinne des Wortes "heiße" Gebiete mit hoher vulkanischer Aktivität.
In der Biodiversitätsforschung sind Hotspots Vorranggebiete für den Artenschutz. Bei diesem globalen Maßstab, der die Artenzahl pro 100 x 100 km angibt, gehört Mitteleuropa zu den artenärmeren Gegenden der Erde. Dies liegt vor allem an dem geringem Alter unserer Ökosyteme, die erst nach den Eiszeiten entstanden sind. Aber selbst im relativ artenarmen Deutschland finden die Botaniker insgesamt acht Zentren der Pflanzenvielfalt (s. Abb. 1 und Kasten). Hier bildet nun überraschenderweise das Elbtal um Hamburg einen der "hot spots".
Schachbrettblume
Wachsende Stadt contra Artenvielfalt?
In Deutschland werden pro Messtischblatt, das heißt auf einer Fläche von 11 x 11 km, durchschnittlich rund 630 Arten erfasst. In Hamburg, konkret im Messtischblatt Hamburg-Wandsbek sind es 1481 Arten. Dies ist nur durch das Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Einflüsse zu erklären.
In Hamburg treffen auf engem Raum vier verschiedene Naturräume aufeinander: Die kargen Geestlandschaften der Lüneburger Heide und des schleswig-holsteinischen Mittelrückens, das östliche Hügelland Schleswig-Holsteins mit seinen guten Böden und das Urstromtal der Elbe mit einer besonders hohen Vielfalt an Lebensräumen. Zu letzteren zählen die Quellhänge in Boberg, die Steilküsten in Wittenbergen, die Randvermoorungen mit Hoch- und Flachmoorvegetation, die Dünengebiete und die weiten von Gräben durchzogenen Grünländer in den Marschen. Dazu kommen die einzigartigen Außendeichsgebiete unter Tide-Einfluss mit ihren Süßwasserwatten und -röhrichten sowie den Tide-Auenwäldern. Weltweit kommen nur hier die Arten Schierlings-Wasserfenchel und Schlamm-Schmiele vor.
Roter Fingerhut
Diese naturräumliche Vielfalt wurde durch das Wachstum der Großstadt stark beeinträchtigt. Im Elbtal gab es einen dramatischen Verlust der typischen und weltweit einmaligen Süßwasser-Tide-Lebensräume. Die wenigen verbliebenen Reste erfuhren eine schleichende Veränderung durch Hafenausbau, Uferverbauung, Deicherhöhung, Elbvertiefung, Tidehubzunahme, Abdämmung der Nebenelben sowie durch Polderung und Aufschüttung. Auf der Geest entstand ein Flickenteppich unterschiedlicher städtischer Biotope, in dem einige Wälder und Parks als grüne Flecken ausgespart blieben. Wälder wurden abgeholzt, Moore abgetorft, Bachläufe begradigt oder verrohrt, Feuchtgebiete trocken gelegt und Heiden, Äcker und Wiesen überbaut.
Pflanzenparadies Hamburg
Dennoch zeichnet sich Hamburg immer noch durch eine hohe Artenvielfalt aus. Verantwortlich dafür ist die zunächst paradox anmutende Tatsache, dass Stadtlandschaften generell die artenreichsten Lebensräume in Mitteleuropa bilden. Selbst die Umgebung der Städte ist im Durchschnitt noch artenreicher als das Umland. Städte sind also keineswegs artenarme Kulturwüsten. Besonders artenarm sind dagegen intensiv genutzte, "ausgeräumte" Agrarlandschaften.
Worauf ist dieser erstaunliche Artenreichtum der Stadtlandschaften zurückzuführen? Es liegt nicht daran, dass Städte besser erforscht sind. Denn lange Zeit hatte die Wissenschaft sie für uninteressant gehalten und bei der Erforschung der heimischen Flora eher vernachlässigt. Die Artenvielfalt erklärt sich aber auch nicht durch die hier besonders zahlreichen verwilderten Kultur- und Zierpflanzen oder fremdländischen Unkräuter, die sich über Bahnhöfe und Häfen ausbreiten.
Fliegenragwurz
Entscheidend für den Artenreichtum ist vielmehr die Nutzungsvielfalt, die kleinteilige Raumstruktur, und die Kontraste unterschiedlichster Lebensbedingungen auf kleinstem Raum. In Hamburg blieben viele wertvolle Gebiete erhalten, die in den Flächenländern einer großzügigeren Raumplanung zum Opfer gefallen wären. Dies gilt vor allem für Moore und Feuchtwiesen und in ganz besonderem Maße für Naturschutzgebiete an der Landesgrenze.
Regionale Hotspots
In dem Blumenmeer Hamburg finden sich wie eingesprenkelt weitere, regionale Hotspots der Pflanzenvielfalt, in denen bundesweit gefährdete Arten wachsen (s. Abb. 2). Diese Vorkommen lassen sehr interessante Schlussfolgerungen zu:
Erstens liegen die meisten Hamburger Hotspots in Naturschutzgebieten, die in der Regel auch Europäischen Schutz genießen. Damit sind die Hauptvorkommen der gefährdeten Arten zumindest rechtlich gesichert. Für die Hamburger Umweltbehörde ist dies die Bestätigung ihrer konsequent verfolgten Politik der Ausweisung von Naturschutzgebieten. Sehr schön wird deutlich, dass es im Moorgürtel nicht nur um den Wachtelkönig geht, sondern auch um eine große Zahl gefährdeter Pflanzenarten. Es bedeutet andererseits aber auch eine gestiegene Verantwortung für die Erhaltung der Arten an ihren Wuchsorten durch ebenso konsequente Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen.
Zweitens zeigt sich, dass die Bedeutung von relativ kleinen und isolierten Naturschutzgebieten, wie beispielsweise die Teichwiesen, das Raakmoor und das Eppendorfer Moor, für die Erhaltung bundesweit gefährdeter Pflanzenarten nicht unterschätzt werden darf.
Gewöhnliches Leinkraut
Drittens wird der Handlungsbedarf außerhalb der Naturschutzgebiete deutlich. So muss beispielsweise der Wilhelmsburger Osten dringend in Schutzgebietsplanungen einbezogen werden. Denn er ist neben dem Moorgürtel und den Kirchwerder Wiesen ein weiterer Trittstein für gefährdete Arten des Feuchtgrünlandes in der Elbmarsch.
In den häufigsten Fällen handelt es sich bei den regionalen Hotspots um besonders reichhaltig strukturierte Gebiete. Insbesondere der Hamburger Hafen und die Industriegebiete sind immer wieder beliebte botanische Exkursionsziele. Sowohl Hamburger als auch auswärtige Botaniker suchen sie gerne auf, weil gerade diese ungeplanten und unaufgeräumten Ecken unserer Stadtlandschaft Hotspots der Artenvielfalt bilden.
Pflanzen gesucht
Viele ehrenamtliche Pflanzenkundler erfassen die Gefäßpflanzenvielfalt der Hansestadt und ihrer Umgebung, wie dies auch bei den Brutvogel- oder Amphibienerhebungen der Fall ist. Die Mitarbeiter müssen eine sichere Kenntnis von rund 1000 Arten haben und mindestens zwei bis drei gründliche Begehungen der Gebiete zu unterschiedlichen Jahreszeiten durchführen. Der Botanische Verein und das Naturschutzamt Hamburg riefen dieses Vorhaben 1995 ins Leben und koordinieren seitdem im Rahmen der Regionalstelle für Pflanzenartenschutz dieses Gemeinschaftsprojekt.
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Naturschutz in Hamburg 2/04 (4,6 MB) Titel: Hotspot Hamburg. Pflanzenreich an der Elbe.
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Konsequenzen für den Naturschutz
Kuckuckslichtnelke
Hamburg zeichnet sich unter allen deutschen Großstädten durch seine Vielfalt an Arten und naturnahen Lebensräumen aus. Aber: Von den 1108 in Hamburg ursprünglich heimischen Pflanzenarten sind bereits 235 (etwa 20%) ausgestorben, darunter Wurzelnde Simse, Gottesgnadenkraut und Sumpf-Glanzkraut. Viele andere sind gerade in den letzten Jahrzehnten dramatisch dezimiert worden. Wenn es so weiter geht, wird von Hamburgs Sonderstellung als Hotspot der Artenvielfalt nicht viel übrig bleiben. Die "Rote Liste" für Hamburg aus dem Jahre 1998 nennt daher folgende Prioritäten für den Naturschutz:
Landschaftsversiegelung beschränken auf das unumgänglich Notwendige!
Außendeichsvegetation der Elbe mit ihren besonderen Arten schützen!
Artenreiches landwirtschaftlich genutztes Grünland erhalten und fördern!
Mehr Raum für städtische Spontanvegetation lassen! "Unordentliche" Vegetationsstrukturen akzeptieren und Pflanzungen auf das wirklich notwendige Maß beschränken!
Sachgerechte Pflege und Kontrolle wertvoller Bestände nachhaltig sichern!
Hotspots der Pflanzenvielfalt in Deutschland
Niederelbe um Hamburg: Urstromtal und Tide-Elbe mit endemischen Arten wie Schierlings-Wasserfenchel; hohe Biotopvielfalt auf kleinem Raum: Moore, Wälder, Dünen, Hangbereiche, Grünland.
Oderhänge: Zum berühmten Oderbruch steil abfallende Hänge mit Kalktrockenrasen; Federgräser, Adonisröschen und Küchenschellen.
Harzvorland: Boden und Klima besonders vielfältig und kontrastreich; Urgestein mit "nordischen" Arten und trockene Gipshügel mit Steppenheiden. Sommerwurz-Arten sind eine Spezialität.
Unterfranken: Geologisch vielfältiges fränkisches Schichtstufenland; orchideenreiche Kalktrockenrasen, Mittelwälder, Stromtäler.
Rhein-Main-Becken: Im Herzen des Gebietes der berühmte Mainzer Sand. Umzingelt von Wohngebieten und Industrie haben auf diesenTrockenrasen im Weinbauklima atlantische Arten ihre östlichsten und kontinentale Arten ihre westlichsten Vorposten.
Jura / Altmühltal: Zentrum der süddeutschen Steppenheidelandschaft, mit Wacholderheiden und Federgrassteppen.
Kaiserstuhl: Pflanzengeographisch der "südlichste" Teil Deutschlands und Vorposten der Mittelmeervegetation; Flaumeichenwälder und Weinbergsflora.
Deutsche Alpen und Voralpengebiet: Anschluss an die Hochgebirgsflora mit artenreichen Gattungen, die im übrigen Deutschland kümmerlich vertreten sind, beispielsweise Steinbrech und Enzian.

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