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Leitbild für Hamburg

Leitbild für Hamburg

Wachsen ohne ökologische Weitsicht

Baukrahn

Wie kann eine Balance zwischen Bautätigkeit und ökologischer Ausrichtung der Stadt gefunden werden?

30. März 2010 - Auf der Tagesordnung der Bürgerschaft am 31. März steht der am 23. Februar vom Senat beschlossene Bericht zum neuen Leitbild Hamburg: Wachsen mit Weitsicht. Er soll das 2003 etablierte Leitbild „Wachsende Stadt“ weiterentwickeln, nachdem der ehemalige CDU-Senat 2008 durch den Eintritt der GRÜNEN in die Regierung seine Zielsetzung verändert hat. Wer nun erwartet hat, dass die GRÜNEN mit ihrem wachstumskritischen Fundament, gespeist aus Erkenntnissen des Öko-Klassikers „Die Grenzen des Wachstums“ und den Berichten des Clubs of Rome, eine erkennbare ökologische Wende im Leitbild erreichen würden, muss enttäuscht sein.

Lesen Sie weiter im Hintergrundpapier zu diesem Thema:

NABU-Hintergrund zum Leitbild Hamburg "Wachsen mit Weitsicht"

Vision "Wachsende Stadt"

Albtraum für Mensch und Natur?

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01. März 2003 - Attraktiver, erfolgreicher, größer - so soll Hamburg werden, findet der Senat. Doch die Natur droht dabei auf der Strecke zu bleiben.
Wandsbek, Meiendorfer Straße. Hier endet die Stadt und die offene Landschaft beginnt. Natur, so weit das Auge reicht. Der Blick streift über Äcker, weiter hinten liegt das Naturschutzgebiet Stellmoorer Tunneltal mit seiner ausgefallenen, hügeligen Landschaft. Irgendwo singt ein Zaunkönig. Unter den Füßen fruchtbares Land, das seit Jahrhunderten bebaut wird. Doch damit könnte bald Schluss sein. Denn wo heute noch Landwirtschaft betrieben wird, sollen bald Wohnhäuser stehen - die Stadt rückt dem Naturschutzgebiet weiter auf die Pelle.
Gleicher Bezirk, andere Szene: Am Pfefferkrug in Lemsahl-Mellingstedt weiden Pferde zwischen hundertjährigen Obstbäumen. Die Luft ist voller Insekten, Mäusebussard und Grünspecht sind hier ebenso zu Hause wie eine Vielzahl von Pflanzen. Die Anwohner genießen den dörflichen Charakter, den das Biotop der Region gibt - und bangen um dessen Zukunft. Denn auch diesem Idyll droht die Zerstörung durch Motorsäge und Bagger.
Der Grund: Beide Flächen sind Teil des Masterplans zur Stadtentwicklung, den die Verantwortlichen im Senat mit dem schönen Titel "Wachsende Stadt" überschrieben haben. Ein Masterplan, mit dem es - so die Hoffnung des Senats - gelingen soll, Hamburg "wieder zu einer wachsenden und pulsierenden Metropole mit internationaler Ausstrahlung zu entwickeln." Wachsende Stadt, das ist der Traum von mehr Einwohnern, die mehr Steuern zahlen und der Hansestadt so zu mehr Wohlstand verhelfen. Koste es, was es wolle.

Wachsen um jeden Preis?

Zerstörung Altenwerder Mitte 80er

Zerstörung von Altenwerder Mitter der 1980er Jahre.

Gründe für die Vision eines größer werdenden Hamburgs ist der erhöhte Konkurrenzdruck zwischen Ländern, Regionen und Städten, der durch die allgemeine demografische Entwicklung noch verstärkt wird. Von Freiburg bis Cottbus soll es die Menschen weiterhin zu den Hanseaten an die Elbe ziehen. Gleichzeitig soll die Abwanderung von jungen Familien ins Umland gestoppt werden. Möglich machen soll dies die Vision der wachsenden Stadt - aber wie?
Die Initiativen, mit denen Hamburgs Attraktivität gesteigert werden soll, sind vielfältig. Dies zeigt schon ein Blick auf den eigens eingerichteten Innovationsfonds Wachsende Stadt: Mehr als 60.000 Euro kostete die Website zur Vision, die Aufbruchveranstaltung "Vision Tour" schlug mit 170.000 Euro zu Buche. Großzügig wurden aus diesem Topf auch Großveranstaltungen wie die BAMBI-Verleihung (500.000 Euro) oder die Verleihung der World-Awards (350.000 Euro) gefördert.
Vor allem aber braucht eine wachsende Stadt eines: Platz. "Eine Stadt, die wachsen will, muss ausreichend Flächen zur Verfügung stellen. Flächen zum Wohnen genauso wie Flächen für Gewerbe und Unternehmen", so Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU). Und schließlich, das erkennen auch die Visionäre im Rathaus an, zählen auch noch "weiche Faktoren wie Lebensqualität, Schönheit, Kultur und Natur". Was aber, wenn genau diese weichen Faktoren durch den verordneten Wachstumsschub beeinträchtigt werden? Was, wenn Naturschutzinteressen mit denen der wachsenden Stadt kollidieren?

Natur hatte in der Vergangenheit stets das Nachsehen

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Süderelberaum: Das Alte Land ist akut durch Industrieansiedlung und Straßenbau bedroht.

2001 wurden in einer ersten Tranche bereits 10 neue Baugebiete für knapp 1.700 Wohneinheiten ausgewiesen. Eines davon ist die Bebauungsfläche am Immenhorstweg in Bergstedt, die direkt an das Naturschutzgebiet Hainisch-Iland angrenzt. Bürger vor Ort wehren sich gegen die Pläne und pochen auf bestehendes Recht. "In Hainisch-Iland kommen viele Arten vor, die auf der Roten Liste stehen", sagt Ralf Flechner von der Interessengemeinschaft Immenhorstweg. "Bei einer Beeinträchtigung würde EU-Recht verletzt, da das Naturschutzgebiet auch als FFH-Gebiet ausgewiesen ist."
Ein hydrologisches Gutachten stützt die Argumente des Bebauungs-Gegners. Es hat ergeben, dass der Wasserhaushalt in dem Schutzgebiet direkt abhängig ist von der angrenzenden Fläche, die jetzt versiegelt werden soll. Was das für Pflanzen und Tiere bedeuten würde, ist ansatzweise bei einem früheren Bauprojekt deutlich geworden: Bäume und Sträucher vertrockneten, das bestehende Ökosystem wurde erheblich verändert.
Die Verantwortlichen im Rathaus beeindruckt das allerdings wenig. Ein erfolgreiches Bürgerbegehren gegen die Bebauung hebelte der Senat kurzerhand aus, indem er die Entscheidung über eine mögliche Bebauung an sich zog und so einen Bürgerentscheid auf Bezirksebene verhinderte. Im Mai 2003 folgte eine 2. Tranche von Wohnbau- und Gewerbegebieten. Wieder wurde deutlich: gegen handfeste ökonomische Interessen bleibt der "weiche Faktor" Natur auf der Strecke. So sind an der Grenze zum Naturschutzgebiet Tunneltal in Wandsbek auf 36 Hektar Wohnungen und Gewerbeflächen geplant. Am Bredenbekkamp, ebenfalls Wandsbek, liegt die vorgesehene Baufläche in der vom Fluss Bredenbek geprägten Landschaftsachse. Und in Harburg, Othmarschen und in Alsterdorf stehen Kleingärten zur Disposition, ohne dass geklärt ist, ob und wann Ausgleichsflächen zur Verfügung stehen. Die Folge: Die Wachsende Stadt wird zunehmend als Bedrohung empfunden, hiervon zeugen zahlreiche Anrufe von besorgten Hamburgerinnen und Hamburgern beim NABU.
Insgesamt wurde mit der 1. und 2. Tranche der Bau von mehr als 3.000 Wohneinheiten und die Ausweisung von ca. 300 Hektar Gewerbefläche vorbereitet. Nur etwa zwei Drittel der Flächen sind im Flächennutzungsplan für Hamburg ausgewiesen - der Rest soll dort entstehen, wo bisher Grün- und Freiflächen eingeplant waren.

"Kein zusätzlicher Druck auf Freiflächen"

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Die Wachsende Stadt "frisst" sich in die Grünbereiche.

"Ein Senat, der die Versiegelung von Flächen vorantreibt, ohne sich dabei um die Natur zu kümmern, handelt gegen die Interessen der Stadt", kritisiert Rolf Bonkwald, Vorsitzender des NABU Hamburg. Denn gerade die Tatsache, dass Hamburg eine grüne Stadt sei, mache doch "einen guten Teil seiner Attraktivität aus."
Charakteristisch sind die Landschaftsachsen, die sich größtenteils an Gewässern entlang von der Innenstadt bis hinaus an den Stadtrand erstrecken, der erste Grüne Ring (Wallanlagen samt Planten un Blomen) sowie der zweite Grüne Ring, der die großen Parkanlagen miteinander verbindet und dabei auch Wälder und landwirtschaftliche Nutzflächen mit einschließt. An diesen Orten erholen sich die Hamburger beim Spazieren, Grillen, Radeln, Joggen oder Kicken.
Doch die Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten für die Hamburger sind nur ein Argument gegen die drohende Versiegelung von Freiflächen. Noch wichtiger ist dem NABU der Schutz von Lebensräumen für Pflanzen und Tiere. In der Vergangenheit konnte Hamburg damit glänzen, besonders vielen Arten Platz zum Leben zu bieten. Als einziger Ballungsraum zählt die Region zu den so genannten "hotspots der Artenvielfalt", von denen es in ganz Deutschland gerade einmal acht gibt. Allein 160 Brutvogelarten kommen in Hamburg und Umgebung vor, mehr als in jeder anderen Metropole vergleichbarer Größe. Einzigartig außerdem: In unmittelbarer Nähe zur Millionenstadt brüten Kraniche und Störche. Damit es diese Vielfalt auch künftig gibt, fordert der NABU Hamburg, keine weiteren Grünflächen zu zerstören. Rolf Bonkwald: "Natur- und Artenschutz darf sich nicht auf die Naturschutzgebiete beschränken. Unversiegelte Freiflächen fungieren als Pufferzonen, darüber hinaus erfüllen sie eine wichtige ökologische Funktion, indem sie die Artenwanderung zwischen den Schutzgebieten ermöglichen."

Baugebiete auf der einen, Leerstand auf der anderen Seite

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Wofür wird eigentlich noch gebaut?

Tatsache ist: Hamburg braucht weder eine wachstumsfördernde Vision noch weitere Baugebiete. Die Stadt wächst bereits seit vielen Jahren, die Einwohnerzahl steigt mit einer Zuwachsrate von 6,9 Prozent - Spitze unter den deutschen Großstädten. Von 1988 bis 2001 nahm der Anteil an Gebäude-, Hof-, Betriebs- und Verkehrsflächen um 1.247 ha zu, das entspricht etwa der Fläche von Bramfeld. Gleichzeitig reduzierten sich landwirtschaftliche Nutzfläche und Wald um 1.550 ha, 311 ha Erholungsfläche gingen verloren.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es überhaupt Bedarf gibt für die neuen Baugebiete. Ein Beispiel: Unmittelbar neben dem geplanten Gewerbegebiet Klärwerk Stellingen, Teil der 2. Tranche, liegt ein weiteres Gewerbegebiet. Hier brummt jedoch keineswegs der Wirtschafsmotor, der den Bedarf nach mehr Platz rechtfertigen könnte. Im Gegenteil: Die Fläche liegt seit Jahren brach. Leerstand auch im Bürosektor - die großen Plakate der Immobilienmakler gehören bereits zum Straßenbild. Der Verdacht drängt sich auf: Mit der Ausweisung neuer Baugebiete schafft Hamburgs Regierung in ihrem Größenwahnsinn ein Angebot, für das es keine Nachfrage gibt.

Es geht auch anders

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Grüne Metropole Hamburg: Wie lange noch?

Gesine Lingens ist Architektin und arbeitet in Hamburg. Besonders stolz ist sie auf ein Projekt, bei dem 1.200 Quadratmeter Wohnfläche entstanden, ohne dabei einen einzigen Quadratmeter unbebauter Fläche zu verbrauchen: In Hamburg-Altona hat die Architektin neues Leben in ein altes Lagerhaus gebracht, indem sie Loftwohnungen einbauen ließ. "Wenn man vorhandene Bausubstanz nutzt, dann ist das bereits im Ansatz ökologisch", findet Gesine Lingens. Der NABU sah das genauso, und weil bei dem Bauprojekt außerdem Wert auf Energie-Effizienz und ökologische Materialien gelegt wurde, bekam die Architektin eine Anerkennung beim NABU-Baupreis 2003.
Im Fall Immenhorstweg setzt Ralf Flechner auf Nachverdichtung: "Es gibt in unmittelbarer Nachbarschaft genügend Bauplätze, wo keine zusammenhängenden ökologischen Systeme beeinträchtigt werden" - und die seien allemal besser als die "Grundstücke in Handtuchgröße", die in den Neubaugebieten entstehen sollen.
Die Beispiele zeigen: Stadtentwicklung geht auch ohne Beeinträchtigung von Natur. Gefragt sind innovative Konzepte für die Nachverdichtung bereits bebauter Flächen und für "Flächenrecycling", also die Wiederverwendung von Flächen, die bereits bebaut waren. Dachgeschosse können ausgebaut, Häuser aufgestockt und alte Gewerbeflächen in Hinterhöfen neu genutzt werden - die Alternativen zur grünen Wiese sind vielfältig.
"Zeige mir, wie du baust und ich sage dir, wer du bist," erkannte schon Christian Morgenstern. Im Umkehrschluss heißt das: So, wie du wahrgenommen werden willst, so baue auch. Als Weltstadt will sich Hamburg innovativ, intelligent und fit für die Zukunft präsentieren - die Vision von der Wachsenden Stadt ist es bisher nicht.


Tobias Hinsch

Der Artikel erschien am 1. Dezember 2003 in der NABU-Zeitung "Naturschutz in Hamburg 4/03" (pdf, 2,6 MB)

NABU-Position

Der NABU bewertet das Senatskonzept "Wachsende Stadt" vom Ansatz her äußerst kritisch.
Eine Politik des vehementen quantitativen Wachstums, wie sie dem Konzept zugrunde liegt, steht im krassen Widerspruch zu den Grundsätzen der Nachhaltigkeit und Umweltvorsorge. Aus diesem Grund fordert der NABU vom Hamburger Senat:

1. Abkehr von dem Ziel, die Hamburger Einwohnerzahl massiv anzuheben. Mehr Einwohner führen bei Umsetzung des Senatskonzepts zwangsläufig zu einer Verschärfung des Flächenverbrauchs und der Versiegelung. Die natürlichen Ressourcen werden damit zusätzlich und unvertretbar belastet. Angesichts einer bundesweit langfristig rückläufigen Bevölkerungsentwicklung geht die Politik der Bevölkerungszunahme in Hamburg außerdem notgedrungen zu Lasten anderer Regionen.
2. Flächen schonen statt "Flächenreserven" mobilisieren. Der entscheidende Fehler des Senatskonzepts ist der verstärkte Zugriff auf sogenannte "Flächenreserven" für neue Wohngebiete sowie Gewerbe- und Verkehrsflächen. Dabei gehen in erster Linie landwirtschaftliche Nutzflächen und wenig genutzte Grünflächen verloren. Diese Gebiete haben eine hohe Bedeutung für die Naherholung der Bevölkerung und sind meist Bestandteil von Landschaftsachsen nach dem Landschafts- und Artenschutzprogramm.
3. Flächenrecycling statt Flächenversiegelung. Hamburg muss verstärkt dafür sorgen, dass nicht mehr benötigte Industriebrachen, Hafenflächen usw. für neue Nutzungen zur Verfügung gestellt werden. Im Bereich Wohnen muss die Nachverdichtung und die Revitalisierung von Stadtteilzentren Vorrang vor der Erschließung neuer Bauflächen bekommen.
4. Die planrechtlich festgelegten Grünzonen, Landschaftsschutz- und Naturschutzgebiete sind in ihrem Bestand langfristig zu sichern und auch vor mittelbaren negativen Einflüssen von außen zu bewahren. Die Sicherung von Landschaftsachsen muss die gleiche Priorität bekommen wie der Bestandserhaltung von Wohn- oder Gewerbegebieten!
5. Die Weiterentwicklung der Stadt und der Metropolregion verlangt eine Umgestaltung der Verkehrsinfrastruktur hin zu einer weiteren Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs. Stadtplanung muss außerdem dafür Sorge tragen, dass neue Zwänge zu einer verstärkten PKW-Nutzung vermieden werden, z. B. durch ein stadtteilnahes Angebot öffentlicher Einrichtungen anstelle einer unverhältnismäßigen Zentralisierung.
6. Vorrang für qualitatives Wachstum. Hamburg muss seine Attraktivität als grüne Metropole erhalten bzw. in Teilbereichen wiederherstellen. Nur durch ständige Verbesserung der Qualität als Metropole des Wohnens und Arbeitens kann Hamburg für seine Bewohner und Besucher attraktiv bleiben und Verluste durch Abwanderung vermeiden. Eine Politik des aggressiven quantitativen Wachstums zerstört die Zukunftschancen der Stadt.

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